Kann man eigentlich den ersten Halbmarathon genießen?

von Henni Weigel

Ich weiß nicht, ob sich die erfahrenen Läufer noch an Ihren ersten Halbmarathon und auch an die Vorbereitung auf diesen Lauf erinnern können. Oder hat von den „Nichtläufern“ oder Freizeitläufern schon einmal jemand daran gedacht einen Halbmarathon laufen zu wollen und es fehlte bisher der Mut und/oder die Motivation dazu? Nun denn ….lest weiter!
Ich bin seit ca. sieben Jahren beim Angerland Lauftreff Lintorf. Dort laufe ich regelmäßig, zweimal die Woche in der 8 km/h Gruppe (eine Stunde). Wettkampferfahrung hatte ich zuvor nur wenig gesammelt und diese hauptsächlich auf Läufe bis zu 10 km.
Wie kommt man also dazu, die Pobacken zusammen zu kneifen und für einen Halbmarathon zu trainieren? Vor allem dann, wenn man bereits ein Alter erreicht hat, in dem „Nichtläufer“ einen für verrückt erklären.
Die tolle Gemeinschaft in unserem Angerland Lauftreff, die vielen Gespräche mit erfahrenen Läufern, doch noch mehr der Blick in die strahlenden, zufriedenen Gesichter von Finishern bei zurückliegenden Läufen, erweckte in mir den Willen auch mal dabei sein zu wollen. Doch dass dieses Ziel nicht mal eben zu erreichen ist, sollte ich noch zu spüren bekommen.
So habe ich mich also für den großen Halbmarathon durch die Bundeshauptstadt Berlin am 22. August angemeldet.
Ca. 14 Wochen vorher erhöhte ich meine Laufeinheiten auf 3mal die Woche, wobei am Wochenende (meist sonntags) ein längerer Lauf in einer kleinen Gruppe mit Angerländer-Berlin-Startern gemeinsam absolviert wurde. In der Gemeinschaft lässt sich das Training einfach besser und vor allem motivierter angehen. Ab Kilometer „10“ wurde jede Woche ein weiterer Kilometer mehr gelaufen und bis zum Halbmarathon hatte ich mich auf zwei Läufe á 17 km und einen Lauf von 18 km heran getastet. Meine jungfräulichen, ersten 21 Kilometer wollte ich in Berlin erleben. Doch ich hätte niemals zuvor gedacht, dass sich jeder Kilometer mehr im Training wie ein Meilenstein anfühlen würde. Kein Lauf war wie der andere und leider wurde auch die Kondition nicht kontinuierlich besser, so dass dies sehr an meiner Psyche zerrte. Dazu kam nach einem der längeren Läufe – zwei Stunden Unwohlsein, ich konnte nichts essen und wollte nur schlafen. „Was mache ich falsch“ und „warum mache ich das eigentlich“ waren die Fragen, die ich mir mehr als einmal gestellt habe. „Das ist mein „erster und letzter Halbmarathon“ hörte man mich sagen. Hinzu kam, dass das Training in die Sommermonate fiel – nicht meine Laufzeit! Wäre der Berlin-Halbmarathon wegen Corona nicht zweimal verschoben worden, hätte ich in den kühleren Monaten trainiert und den Wettkampf Anfang April gehabt; so aber fand er Ende August statt! Meine Sorge war „wie warm wird es in Berlin wohl sein“? – Hohe Temperaturen könnten das „Aus“ für mich bedeuten! Ein weiteres Problem: „Was frühstückt man vor einem Halbmarathon“? Hier musste ich auch meine Erfahrung machen, da mich während des Trainings nicht selten „Seitenstiche“ plagten. Ohne den Zuspruch meiner lieben Mitläuferinnen hätte ich bestimmt nicht durchgehalten.
Dann das Wochenende in Berlin. Das Ereignis naht! Die Anreise erfolgte bereits Freitag mit 18 Läufern des Lauftreffs. Wir hatten entspannte 1 1/2 Tage vor dem Lauf, haben viel gelacht und tolle Gespräche gehabt. Am Samstagabend erhielt ich noch zwei wichtige Hinweise von Mitläufern: „Es darf ruhig weh tun und kann sich auch mal sch… anfühlen“ – deswegen bin ich keine schlechte Läuferin! Aber besonders hilfreich war die Erfahrung von Gladys, die mir Ihre Geschichte von einem Ihrer Läufe erzählte, in der ihr eine Läuferin begegnet war, die jeden Kilometer gefeiert hat! Gladys hatte sich von ihr regelrecht anstecken lassen. Das blieb mir im Kopf und ich nahm mir vor, auch jeden Kilometer innerlich zu feiern und nicht fortwährend zu rechnen, wie viele Kilometer noch bis zum Ziel zu laufen sind!
Beeindruckend, ja überwältigend war dann das Gelände, auf dem sich die 15.000 Läufer des diesjährigen Berlin Halbmarathons einfanden. Was für eine logistische und organisatorische Meisterleistung und ich stehe mittendrin, ich bin ein Teil des Ganzen, meine Startnummer und mein Bändchen am Handgelenk zeichnen mich dafür aus. Die Aufregung ist gar nicht so groß, wie ich es mir zuvor ausgemalt hatte. Dafür sind die Angerländer, die in der letzten Startwelle starten, viel zu locker. Doch die Siegessäule, welche wir kurz nach dem Start umlaufen werden, thront vor uns und lässt ahnen, dass es ein beeindruckender Lauf werden wird und das gibt einem ein gutes, starkes Gefühl.
Der Startschuss fällt und ich freue mich so richtig, jedes neue Kilometerschild zu sehen. Aber der Einbruch kommt. Ich glaube schon nach 9 Kilometern kann ich das für mich flotte Tempo nicht mehr halten, breche ein und nehme einen Schluck aus meiner Flasche (Apfelsaft, Zucker). Ab da nehme ich jeden Kilometer einen kleinen Schluck. Ich freue mich auf jede Wasserversorgungsstelle, an der ich kurz anhalte und das kalte Wasser genieße. Dazwischen muss ich Gott sei Dank keine Gehpausen einlegen, im Gegensatz zu manchen Trainingsläufen. Die letzten drei Kilometer sind hart, aber da meine Angerländer-Mitläuferin Martina mir nicht von der Seite weicht (sie hätte den Halbmarathon in einer besseren Zeit schaffen können), schaffe ich auch diese Strecke noch. Das Brandenburger Tor ist endlich in Sicht, ein paar Angerländer Läufer stehen zum Anfeuern an der Zielgerade und ich finishe tatsächlich meinen ersten Halbmarathon. Richtig verstehe ich das aber erst einen Moment später. Zu groß ist die Müdigkeit und war der Fokus aufs Ziel gerichtet. Aber als mich dann aus unserer Gruppe ein paar Angerländer, die trotz einsetzendem Regen geblieben sind, umarmen und beglückwünschen, bin ich den Tränen nahe und dankbar, es gut und unbeschadet gemeistert zu haben.

Ob man den ersten Halbmarathon also genießen kann?
Ich habe es genossen an meine Grenzen gegangen zu sein und mir etwas erkämpft zu haben, woran ich nicht immer geglaubt habe. Zu wissen, dass man etwas schaffen kann, wenn man es nur angeht, ist toll. Geholfen hat mir auf jeden Fall die Gemeinschaft und ich genieße sicherlich meinen Erfolg, vom dem ich noch lange zerren kann.
Jetzt weiß ich, wie es geht und das man es wirklich schaffen kann. „Es ist mein erster und letzter Halbmarathon“ …… diese Aussage ist nur in einem Punkt sicher! Vielleicht traue ich mich ja noch einmal…..

Henni Weigel

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